Und sie dreht sich doch noch. Obwohl die Vinylschallplatte schon mehrfach für tot erklärt wurde, kann zu sie zu ihrem 60. Geburtstag wieder steigende Absätze feiern. Auch kleine Auflagen von Wiederveröffentlichungen lohnen sich. Verantwortlich dafür ist ausgerechnet das neue Medium Internet.



In diesen Tagen wird wieder mal ausgiebig das Jubiläum der Schallplatte gefeiert. Denn vor etwas mehr als 60 Jahren brachte die Firma Columbia die erste Langspielplatte aus Polyvinylchlorid (kurz Vinyl) mit 33 Umdrehungen pro Minute auf den Markt. Wie bei jedem Greis, der schon zahllose fast tödliche Krisen überlebt hat, mischt sich auch hier in die Geburtstagsständchen ein wenig realitätsferne Euphorie, als habe der Besungene damit seine Unsterblichkeit bewiesen. Manche sprechen gar von einer „Renaissance“ der Schallplatte – meistens sind es voreingenommene Liebhaber des Mediums.

Ihre Begeisterung wird gekontert von den Rechenkünstlern der Musikindustrie: Den 148,6 Millionen CD-Alben, die 2007 trotz aller Einbußen durch Raubkopien in Deutschland verkauft wurden, stehen nur 700.000 Langspielplatten gegenüber. Allerdings spricht selbst die offizielle Statistik der deutschen Musikindustrie davon, dass Totgesagte länger leben, denn gegenüber 2006 ist der Umsatz von LPs um 100.000 gestiegen. Andererseits lag er zu Beginn des Jahrtausends sogar schon mal bei einer Million jährlich – gegenüber dem absoluten Tiefstand Mitte der Neunziger Jahre, als nur noch weniger als 500.000 Langspielplatten abgesetzt wurden. Doch der Kenner fragt sich eh, ob diese Statistiken wirklich jede Import-LP mitzählen, die via Internet oder in einem kleinen Laden erworben wird.
Denn die wenigen echten Plattenläden, die es überhaupt noch gibt, handeln fast alle in erster Linie mit Vinylschallplatten, und CDs sind dort höchstens ein schwindend kleines Zusatzgeschäft. In fast jeder Stadt gibt es so einen Laden. Man kann sogar sagen, dass sich eine echte Großstadt dadurch definiert, dass sie einen Schallplattenladen hat. Außerdem wird heute fast jedes neue Album wieder auch auf Vinyl veröffentlicht. Das gilt natürlich nur für Erwachsenenmusik. Manche behaupten sogar: Gute Musik erkennt man daran, dass sie auch auf Schallplatte verfügbar ist.

In der Nische Plattenmarkt leben viele ganz gut
Der Plattenmarkt ist eine Nische. Aber in dieser Nische leben viele ganz gut. Nicht nur die Händler, sondern auch Firmen, die neue Schallplatten mit Lizenzen pressen, die sie von großen Konzernen erworben haben. Oder Hersteller von Plattenspielern wie die Wiener Firma Project. Und Zubehörhändler wie das Versandhaus Protected im norddeutschen Tornesch, wo der Aficionado von der Plattenbox bis zum Reinigungsmittel mit allem versorgt wird.

Mittlerweile sind sogar aufstrebende Industrienationen in den Wettbewerb um die Vinylkundschaft eingetreten. Viele Wiederveröffentlichungen beruhen heute auf Lizenzen von „Universal Russia“ – allerdings ist die Klangqualität dieser Aufnahmen umstritten. Und aus Indien kommt seit 2005 eine Plattenwaschmaschine für 250 Euro, mit der die Firma Cadence der bei Freaks legendären „Keith Monk“ (Preis weit über 1000 Euro) Konkurrenz macht.
Das Geheimnis all dieses Geschäftsgebarens ist ganz einfach: In Zeiten drastisch sinkender CD-Verkaufszahlen lohnt es wieder, kleine Auflagen von vielleicht 20.000 Vinylalben zu pressen. Zumal deren potenzielle Kunden treue Tonträgerkäufer sind, die Wert darauf legen, Musik auch physisch in den Händen halten zu können – also die Sorte Menschen, von denen die Musikindustrie träumt. Und die 20.000 Stück erreichen dank des Internets auch genau die 20.000 Glücklichen in aller Welt, die das neueste Album etwa von Portishead unbedingt als 300-Gramm-Vinylausgabe haben wollen.

In kleineren Städten musste man auf manche Platten jahrelang warten
Man macht sich ja keine Vorstellung mehr davon, wie weit früher oft der Weg vom Tonträgerhersteller zum Kunden war. Liverpool oder Hamburg wurden ja auch deshalb um 1960 zu frühen Rockmetropolen, weil dort Matrosen die neuesten Rhythm & Blues- oder Rock’n‘Roll-Platten aus Amerika mitbrachten, die man in der Provinz nie bekam. Und noch in den späten Siebzigerjahren musste man in einer Stadt wie Braunschweig Jahre warten, bis in einem Geschäft mal wieder das zweite Velvet-Underground-Album auftauchte.
Das alles ist nun vorbei. Dank des Onlineversands, von dem ja auch die Händler profitieren, weil sie ihre Ware problemlos direkt in Amerika ordern können. Heute sind Aufnahmen von Folksängerinnen wie der deutschen Sibylle Baier, die um 1970 nur wenige hundert Mal verkauft wurden, als Wiederveröffentlichungen in jedem Plattenladen der Welt problemlos zu haben.
Dazu gehören auch wieder die ganz Großen: Der Media Markt im Berliner Alexa hat beispielsweise eine ziemlich gute Vinylabteilung. Vorbei sind die Zeiten als die Manager der Ketten zwar anordneten wieder mit Vinyl zu handeln (das war um 2000) – sich dann aber darüber wunderten, dass ein winziges Regal mit 30 ungeordneten Plättchen keinen Musikliebhaber seinem gut sortierten Fachhändler abspenstig machte.

Klangqualität spielt nur eine kleine Rolle

Keine große Rolle spielt dabei mehr der früher oft mit ideologischer Hartnäckigkeit geführte Kampf, welcher Tonträger sich besser anhört. Möglicherweise klingen neuere Formate wie die Super Audio CD tatsächlich genauso gut oder gar besser als Schallplatten. Doch sie kamen zu spät. Die frühen Jahre der CD, als man die Höhen und Tiefen jenseits bestimmter Frequenzbereiche einfach „abschnitt“, weil das menschliche Ohr sie angeblich sowieso nicht höre, haben das Image jenes Tonträgers bei Klangfetischisten weitgehend ruiniert.
Damals wurden auch oft alte Bänder auf CDs gebrannt, ohne sie noch einmal abzumischen, klanglich aufzupolieren oder gar den Bedürfnissen des neuen Mediums anzupassen. Mit dem Ergebnis, dass etwa Bob Dylans „Desire“ auf CD selbst für Laien erkennbar schlechter klang als auf einer der einst so berüchtigten spanischen Billigpressungen aus den Siebzigerjahren.
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Die Vinylkäufer neuen Typs hat wenig zu tun mit den kauzigen Opas mit Lederweste und Pferdeschwanz, die auf Plattenbörsen stundenlang gegen alles Digitale geifern. Er ist auch nicht unbedingt ein Discjockey. Für die Deejays, die länger als alle anderen Platten gekauft haben, weil man mit diesen besser mixen und scratchen konnte, gibt es mittlerweile längst Computer-Werkzeuge, die dafür sorgen, dass sie nicht mehr schwere Plattenkoffer zu ihren Auftritten schleppen müssen.
Der Schallplattenfreund von heute holt sich das Beste aus zwei Welten. Er hat meist auch einen iPod für unterwegs und nimmt in Kauf, dass die Musik dort nicht so gut klingt wie zu Hause im Sessel. Aber wenn er das volle Sounderlebnis haben will, setzt er sich vor seine Heim-Stereoanlage. Und dann legt er eine Platte auf.


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