LONDONS NEUER TECHNO-TEMPEL
Exzess auf Nummer sicher
Der Techno-Tempel ist die Gegenwelt der Beats und Bässe, das Normalweltliche muss draußen bleiben. Das "Matter", das in London gerade neu eröffnet hat, macht es anders. Christoph Cadenbach feierte zwei Nächte lang mit - und war angemessen erschüttert.
Schön, wie alles zuckt. Die Körper, das Licht. Stundenlang könnte man der wogenden Masse der Tänzer von hier oben aus zuschauen. Wie der Bass sie in Gang hält, wie die Beats sie antreiben. Doch man ist ja nicht nur zum Spaß hier. Also runter von der Galerie und erstmal umschauen in Londons neuester Hipness-Hochburg: dem Technoclub Matter.
Die Architektur: beeindruckend. Ein gigantischer Raum, an die 30 Meter hoch, auf zwei Ebenen im Halbkreis von Balkonen gesäumt. Unter der Decke ist eine Brücke mit Gitterwänden angebracht, unten, vor der DJ-Kanzel mit Plexiglasdach können geschätzte 1500 Menschen tanzen. Beton und Metall zitieren Ursprünge und Stilprinzip von Techno als Sound einer industrialisierten Moderne.
Die Musik: kompromisslos. Carl Cox, englisches DJ-Urgestein, legt seine Vollgasinterpretation von Techno auf. Immer am Limit, immer pumpt der Beat, fünf Stunden lang, ohne Durchatmen. Gestern, zur Eröffnung, spielte Break-Beat-Legende James Lavelle mit seiner Band Unkle auf. Heute ist nun die erste Clubnacht.
Den Leuten Beine machen
Über den Köpfen der Tanzenden haben sich die VJs, die Chefbeleuchter, für eine "Apocalypse Now"-Variante entschieden. Ständig blitzen die Strahler, zerhacken die Dunkelheit in grellweiße Standbilder, über die Wände wackeln bunte Projektionen. Dass Techno den Körper traktiert, haben die Macher hier wörtlich genommen und dicke Boxen auch unter der Tanzfläche verlegt. So wippen die Beine ganz automatisch.
Das Publikum: jung. Zumindest, wenn man es mit Berliner oder Kölner Verhältnissen vergleicht, 20 Jahre sind die Besucher im Schnitt. Bei den weiblichen Gästen verhalten sich Rocklänge und Absatzhöhe umgekehrt proportional zueinander.
Verantwortlich für das Spektakel sind Keith Reilly und Cameron Leslie, zwei Londoner Clubgrößen. Seit 1999 betreiben sie das Fabric, eine Techno-Institution nicht nur in England, mit eigener CD-Reihe und regelmäßigen Auftritten von Szenehelden wie Ricardo Villalobos, Tiefschwarz oder Simian Mobile Disco.
Schon Monate vor der Eröffnung des Matter wurden die beiden von der Londoner Presse bejubelt, denn in den vergangenen Jahren haben in der englischen Hauptstadt mehr große Discotheken zu- als aufgemacht. 2007 musste zuletzt die Club-Troika The Cross, The Key und das Canvas Stadterneuerungsmaßnahmen weichen. Wo früher getanzt wurde, wird nun bald im Büro geschuftet.
Ihr alter Club, das Fabric, ist noch in Nordlondon in einem alten Jahrhundertwendebau untergebracht. Das Matter haben Reilly und Leslie südlich der Themse auf das Massenunterhaltungsareal der O2-Arena, vormals Millennium Dome, gesetzt. Gebaut hat es das internationale Architektenbüro Pentagram, das bereits Läden für Modedesigner Alexander McQueen entworfen hat.
Automatisch pragmatisch
O2-Arena und Szene-Club, Franchise-Terror neben Subkultur-Treffpunkt? Wie passt das zusammen? Sollen die Raver nach überstandener Nacht noch bei Starbucks einen Absacker trinken? Matter-Chef Leslie Cameron schüttelt reflexartig den Kopf. "Das Wichtigste ist die Musik, der Sound", sagt er. Hier hätten sie die Möglichkeit gehabt, etwas völlig Neues zu schaffen. "Es war wie ein weißes Blatt Papier."
Leslie, Mitte 30, ist ein sympathischer Kerl. Manche seiner Sätze klingen ein wenig pathetisch ("Wir haben keine neue Aufgabe gesucht, der Club hat uns gefunden"), ansonsten ist er angenehm uneitel. Gerade steht er am Geländer auf einer der Galerien, schaut nach unten auf die prallgefüllte Tanzfläche und freut sich wie ein Junge, der seine erste Baumhütte fertig gezimmert hat.
Dann zeigt er Richtung Decke, die mit einer weißen Schaumstoffschicht bezogen ist. "Normalerweise würde das Echo drei Sekunden brauchen vom Boden bis Decke und zurück", sagt er. Durch die Isolierung schaffe es das Echo hier in nur 0,8 Sekunden, dass würde den Sound so schön knackig und scharf machen.
Was aus der Vogelperspektive aussieht wie ein großes Kollektiv, ist eigentlich eine Gladiatorenarena. Es geht um Distinktion und Aufmerksamkeit, die kostbarsten Ressourcen der Nachtwelt. Auf der Tanzfläche herrscht ein permanenter Kampf um Raum und Blicke.
Und draußen, im Raucherbereich, wird man vom Security-Mann angeraunzt, wenn man den Türbereich nicht sofort freigibt: "Move, move, move!" Sicherheitskräfte gibt es überhaupt reichlich. In jeder Ecke steht einer mit schwarzem T-Shirt und Knopf im Ohr, Dompteure des Eskapismus. Unterstützt werden sie von den sogenannten Stewards (rotes Polo-Shirt), denen man Fragen stellen darf - wo der Geldautomat steht beispielsweise.
Aber muss soviel Pragmatismus sein? Ist ein Technoclub nicht ein Ort des Abtauchens, eine Gegenrealität, in der das Normalweltliche ausgesperrt bleibt? Gerade deshalb bleiben doch in Clubs wie dem legendären Berliner Berghain die Security-Leute vor der Tür, deshalb ist dort sogar das Fotografieren verboten. Damit der Exzess nicht durch Banales gestört wird. Damit einen nichts an draußen erinnert.
Das Matter ist ein faszinierender Club, mit imponierender Architektur und exzellentem Sound. Aber ein bisschen zu perfekt, zu übermotiviert könnte man sagen. Und mit einem weiten Weg zurück in die Stadt verbunden, zumindest, wenn man - wie viele der Besucher - nördlich der Themse wohnt.
Vor der Taxifahrt sollte man deshalb noch mal beim Geldautomaten vorbei.
http://www.spiegel.de/kultur/musik/0...579609,00.html
http://www.matterlondon.com
matter London is a three floor, 2600 capacity venue at The O2. Committed to innovation with a passionate and eclectic music policy.







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