Luciano mag es gerne bunt
Die Londoner Fabric ist wohl für jeden DJ eine der Institutionen, in der man mal gespielt haben muss. Sein hohes Niveau unterstreicht der Top-Club der englischen Weltmetropole mit seiner gleichnamigen Compilation-Reihe, für die in diesem Monat der Schweizer Chilene bzw. Weltbürger Luciano gewonnen werden konnte. Nicht nur hier in Deutschland, sondern in ganz Europa spielt sich der Cadenza Labelchef in den letzten Jahren mehr und mehr in die Herzen seiner Fans und beweist dabei großen Facettenreichtum. Ob mit ultraminimalen Releases auf Perlon, mehr clubbigem Stuff auf Cadenza oder experimentellen Attitüden mit seinem Lucien`n`Luciano Projekt, der 1978 geborene Produzent weiß sich stets neu zu inszenieren und hat einiges Interessantes aus seinem Leben zu berichten.
Deine ersten musikalischen Schritte hast du in Chile gemacht. Du hast als erstes Gitarre in diversen Bands gespielt
Ja genau, ich habe in diversen Schulbands gespielt, das war aber mehr in Richtung Punkrock und Independent. Es waren halt erste musikalische Gehversuche, wir waren ziemlich frei in dem, was wir gemacht haben, z.B. waren die Texte nicht mal gereimt, aber wir hatten viel Spaß. Es war eine lehrreiche Erfahrung, aber irgendwann hatte ich dann auch genug davon. Ich war sehr inspiriert von der Musik, aber wenn du in einer Band bist, kannst du nur spielen, wenn du komplett bist. Das war bei uns leider eher selten der Fall. Das hat mich irgendwann so angepisst, dass ich mir eine kleine Drum Maschine gekauft habe und mehr und mehr begann, für mich selbst zu komponieren.
"Wir haben zuerst in ganz kleinen Clubs gespielt, in denen eigentlich Rock gespielt wurde."
Wann war denn der exakte Moment, als du zum ersten Mal mit elektronischer Musik in Berührung kamst
Der allererste Moment war, als ein Freund von mir aus Italien zurückkam und ein Tape mitbrachte. Ich war da noch sehr jung, aber sofort Feuer und Flamme. Das hat sich dann über den Kontakt zu einigen europäischen Freunden intensiviert, die sich mit dem DJing befasst haben. Ich habe mir dann gedacht, kauf dir Platten und probier das einfach mal in Chile. Es gab dort schon die ersten DJs, mit denen ich dann schnell in Kontakt gekommen bin, wie z. B. Ricardo, Martino und all die anderen.
Wie war es um die Dance Szene in den frühen Jahren in Chile bestellt
Die Dance Szene war anfangs noch sehr klein. Wir haben unsere Aufgabe hauptsächlich darin gesehen, elektronische Musik vorzustellen bzw. in Chile einzuführen. Wir haben zuerst in ganz kleinen Clubs gespielt, in denen eigentlich Rock gespielt wurde. Oder wir haben kleine Clubs angemietet und Partys für unsere Freunde organisiert. Die Szene ist dann aber sehr schnell gewachsen und immer mehr Leute fingen an, Partys zu organisieren oder sich zu Organisationen, wie z. B. Euphoria zusammenzuschließen. Dann kamen die ersten monatlichen Residencies in Rock-Clubs, dann plötzlich wöchentlich und irgendwann öffnete der erste Techno Club. Heute gibt es bei uns auch eine Loveparade mit ca. 350.000 Gästen.
Eine perfekte Überleitung zur nächsten Frage. In der nächsten Woche spielst du hier sonntags auf einem Loveparade Event mit Ricardo, Dubfire und vielen anderen. Wirst du an der Parade selbst auch teilnehmen
Ich weiß noch nicht genau, ob ich es managen kann, schon am Samstag dort zu sein, aber wenn ja, dann werde ich natürlich dabei sein. Es ist ein großartiges und interessantes Event, auch wenn solche Mega-Raves nicht unbedingt meine favorisierte Art von Party ist. Viele Menschen kommen aus ein und demselben Grund an einem Ort zusammen: Der Musik. Wenn das mal kein vernünftiger Grund ist.
Du sagst, solche Events sind nicht unbedingt so sehr dein Ding. Was für Events bevorzugst du
Das kommt darauf an. Als DJ ist es natürlich toll, vor so einer großen Menschenmenge zu spielen und die eigene Auffassung von Musik vorzustellen. Aber als Clubber bevorzuge ich kleine Clubs und gemütliche Bars. Ich gehe natürlich auch auf große Raves, aber im Grunde mag ich lieber kleine Locations mit vielen guten Bekannten und Freunden.
Du bist in der Schweiz geboren, hast aber den Großteil deiner Jugend in Chile verbracht. Warum bist du schließlich wieder zurück nach Europa
Ich habe Chile aus vielen Gründen verlassen, aber hauptsächlich wegen der Musik. Ich habe noch einen anderen europäischen Pass, da ich ja in der Schweiz geboren wurde. Ich bin wieder zurück nach Europa, weil ich Tontechnik studieren wollte, was in Chile nicht möglich war, da es dort nicht die entsprechenden Privatschulen gab. Da ich drüben schon sehr viele Freunde hatte, war der Schritt zurück auch nicht so schwierig. Ich habe mir einfach gedacht, geh mal rüber, studier ein wenig und schau was so passiert...ja und was kam war meine kleine Tochter Soleil.
Während der letzten Jahre hast du besonders hier in Europa großen Erfolg. Wo liegt deine Homebase momentan
Ich lebe zurzeit auf Ibiza. Sechs Monate im Jahr lebe ich hier auf der Insel und gehe dann für sechs Monate wieder zurück in die Schweiz.
"Ibiza ist schon ein kleines Paradies und es wäre für alle besser, an seiner Erhaltung zu arbeiten."
Ricardo Villalobos ist ein alter Freund von dir. Wie ist der Kontakt heute, sieht man sich noch oft
Wir sind natürlich beide sehr viel auf Tour, aber wenn wir uns sehen, haben wir immer viel Spaß zusammen. Letzte Woche haben wir hier auf Ibiza auf der Cocoon Party noch Back2Back gespielt und es wirklich genossen. Wir kennen uns schon so lange und das merkt man auch, wenn wir zusammen spielen. Das Build-Up des Sets ist dann immer sehr speziell, als wenn wir zusammen mit vielen Farben eine Geschichte erfinden und erzählen, deren Ende nur wir Beide schon kennen.
Dann bist du ja bestens über die Hintergründe bzgl. der erneuten Schließung des DC10 informiert. Normalerweise hast du ja montags dort eine Residency. Auf deiner Myspace Seite habe ich gesehen, dass du an einer Petition teilnimmst, die sich gegen die Schließung wendet.
Die Hintergründe auf der Insel sind sehr kompliziert. Es sind meist politische Gründe oder wirtschaftliche Konflikte zwischen den Clubbetreibern, die solche Schikanen auslösen. Es gibt unter den Betreibern nicht das Bewusstsein, dass man bei allem Wettbewerb im Grunde in einem Boot sitzt und mit einem höheren Maß an Kooperation viel mehr Erfolg auf Ibiza hätte. Je mehr Clubs auf Ibiza geöffnet sind, desto länger lässt sich der Vibe hier erhalten und desto mehr Leute kommen. Einige hier scheinen das aber noch nicht verstanden zu haben. Das DC10 ist zwar eine der kleineren Institutionen auf Ibiza, aber auch eine der Stärksten. Sie kämpfen momentan gegen die lokale Politik. Die Politiker scheinen ebenfalls nicht zu realisieren, dass sie auf die Clubs angewiesen sind, da sie den Tourismus hier am Leben erhalten. Ich finde die Entwicklung sehr traurig, denn das DC10 ist schon eine Liga für sich. Ich habe dort schon sehr magische Momente erlebt. Ibiza ist schon ein kleines Paradies und es wäre für alle besser an seiner Erhaltung zu arbeiten.
2003 bist du mit deinem mittlerweile sehr renommierten Label Cadenza an den Start gegangen. Welche Ideen hattest du damals im Kopf
Ich habe Cadenza damals mit einem Freund und meiner Schwester gemacht, sie ist Grafikerin und entwirft bis heute das Artwork für die Cover. Die Idee hat sich entwickelt, als ich Thomas Franzen einige Tracks für Perlon geschickt habe, von denen einige aber zu aggressiv für das Label waren. Thomas entschied sich nur für einen Teil der Tracks, meine Schwester und ich waren uns aber sehr sicher, dass die anderen auch funktionieren würden. Wir haben uns dann gesagt, wir machen jetzt ein Release einfach nur mal aus Spaß. Eigentlich wollten wir wirklich nur eine einzige Platte machen, aber das Feedback war so riesig, dass wir weitermachen mussten.
Auf welche Projekte kann man denn in nächster Zeit auf Cadenza gespannt sein
Als nächstes kommt mit Los Updates ein neues Projekt, das sich von dem bisherigen Stuff unterscheidet, weil es schon mehr in Richtung Elektro-Pop geht. Der Mann dahinter ist José Gonzales, der in Chile ein wirklicher Rockstar ist. Wenn er bei uns spielt, füllt er ganze Stadien. Ich kenne ihn schon sehr lange, er sprach mich auf meine Produktionen an, ich habe ihm ein paar Tracks geschickt und so nahm die Sache dann ihren Lauf. Auf der neuen Fabric Compilation, die ich gemixt habe, kann man mit meinem Remix von `Gettin` Late` einen Vorgeschmack auf das Release bekommen. Ende des Jahres wird dieses dann veröffentlicht. Generell werde ich aber in Zukunft darauf achten, dass wir unsere bestehenden Künstler weiter voran bringen, anstatt neue Künstler zu integrieren. Sie machen einfach so viel unglaublich gute Musik.
Ein weiterer bemerkenswerter Remix von dir auf der Fabric Compilation ist der von Inner Citys "Good Love". Wann kommt der auf den Markt
Ich bin noch nicht ganz sicher, wo die EP kommt, vielleicht auf KMS oder Planet E. Vor einer Woche habe ich die erste Pressung bekommen, aber es wird bestimmt nicht mehr lange bis zur VÖ dauern.
Der Fabric Mix ist im Gesamten sehr vielseitig. Was war die Intention, als du das Set compiled hast
Ich wollte tatsächlich ein wenig von allem machen, von dem was ich am Wochenende als DJ spiele, was ich mit dem Label raus bringe und was ich selbst produziere. Es sollte bunt werden und ich denke, dass ist mir ganz gut gelungen.
Ich habe gehört, dass du fleißig an einem Artist Album bastelst. Ist da was dran
Ja, das stimmt. Wenn alles glatt geht, wird es noch Ende dieses Jahres auf Cadenza erscheinen. Ich habe sehr viele Künstler und Instrumente in die Arbeit miteinbezogen. Zum Beispiel wird eine kleine Revolution im Instrumentalbereich, die Hang Drum zu hören sein. Das sind so eine Art Schweizer Marimbas, mit dessen Erfinder ich zusammenarbeite. Auch wird es typische Schweizer Alphörner zu hören geben, was sich jetzt vielleicht zuerst befremdlich anhört, aber sich doch sehr gut ins Album integriert hat. Es wird softe Tracks, aber natürlich auch Dance Tracks geben, eben ein Album für den Club und daheim.
Deine etwas softere Downbeat Seite lebst du ja auch mit deinem anderen Projekt Lucien`n`Luciano aus. Wie interpretierst du deine Musik dort
Dieses Projekt ist mehr eine Herausforderung an mich selbst. Ich experimentiere dort mit vielen verschiedenen Stilen, Tempi und Atmosphären, einfach um mich frisch zu halten. Ich brauchte einfach einen Ausgleich zu den Dance Tracks. Ich begann damit, als ich anfing mit Logic zu arbeiten. In dem Projekt arbeite ich sehr viel mit Stimmen, es ist für mich einfach ein ganz anderer Ansatz, der mir viel Spaß macht.
Dann bleibt mir nur, dir auch in der Zukunft viel Spaß an der Musik zu wünschen.
Vielen Dank, das wünsche ich dir auch.





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