Lucca

Frischer Ostwind

Es ist schon ein erstaunliches Bild, wenn man die tschechische DJane No. 1 bei ihren Sets beobachtet. Hochkonzentriert spielt die kleine, blonde, beinahe schüchtern wirkende Frau ihr Intro, bevor sie mit einer ganzen Palette von Skills und groovigen Technobeats das Publikum innerhalb kürzester Zeit zum Ausrasten bringt. Alle Hände sind in der Luft, sie hat die Menge im Griff und dann kommt das, was man wohl ihr Markenzeichen nennen darf, das typisch sympathische und siegessichere Lucca Lächeln. Seit Jahren ist sie eine etablierte Größe in der internationalen Technoszene, Carl Cox, Chris Liebing oder Umek attestieren „She Rocks!“ und loben sie in den höchsten Tönen, ein Erfolg für den sie viel riskiert und hart gearbeitet hat. Seit nunmehr acht Jahren mischt die Senkrechtstarterin im internationalen Business mit und ist längst nicht nur in ihrer Heimat Kult. Die jüngste Vergangenheit brachte viele Veränderungen in ihrem Leben, die sie mit dem Titel ihres nun erscheinenden Debüt-Albums „Reformation“ passend zum Ausdruck bringt. Nach ihrem Erfolg als DJane, legt sie nun den gleichen Ehrgeiz in ihre Tätigkeit als Produzentin. Im Rahmen ihrer Album Promotion ließ es sich die langjährige Raveline-Freundin nicht nehmen, unserem Office einen Besuch abzustatten.

Hi Lucca, herzlich willkommen bei uns. Wie gefällt es dir hier in Deutschland?

Danke, ich mag Deutschland sehr, ich spiele auch sehr oft hier, mindestens ein bis zwei Mal pro Monat. Außerdem ist meine Booking-Agentur Dancefield auch deutsch. Ich habe vor vielen Jahren mein erstes Booking hier gehabt und komme heute noch sehr gerne her. Ich mag viele deutsche DJs und ihre Produktionen. Zusammen mit Holland hat Deutschland immer noch einen richtungweisenden Einfluss auf die Technoszene.

Gibt es einen bestimmten Ort oder Club hier, der dir persönlich am besten gefällt?

Nein, nicht wirklich, aber es gibt natürlich einige Gigs, die mir besonders in Erinnerung geblieben sind, z. B. eine Nacht im U60311 in Frankfurt zusammen mit Chris Liebing. Zu der Zeit lief die Partyreihe noch unter dem Motto „Es ist Freitagaaabend!!!“. Auch wenn das schon viele Jahre her ist, ist mir der Gig besonders im Gedächtnis geblieben. Aber es gibt natürlich jede Menge tolle Clubs hier. In diesem Jahr haben mir besonders der Tresor in Berlin und der Airport in Würzburg gefallen.

Du hast grad dein Album „Reformation“ fertig produziert und bist jetzt auf Promotiontour. Wie lange wirst du in Deutschland bleiben?

Wir sind heute Nacht um drei hier angekommen. Auf der Hinfahrt ist uns aufgefallen, dass wir keine Navi-CD für Deutschland dabei haben. Daher hat der Trip etwas länger gedauert. Wir fahren später noch zu meiner Agentur, um die Albumtour zu besprechen. Ich bin seit März bei Dancefield und sehr zufrieden. Sie haben noch viele andere gute Artist und noch bessere Kontakte. Sie sind sehr professionell, in dem was sie machen. Danach geht es direkt wieder zurück nach Tschechien.

Wie ist der Kontakt zu Dancefield entstanden?

Das kam durch Pavel, einen langjährigen Freund und Betreiber der Mersey Agency. Ich war vorher bei einer englischen Agentur in London, Greenroom Artists. Sie haben eigentlich einen guten Job gemacht, aber ihnen fehlte es einfach an Kontakten in Europa. Sie waren mehr auf England spezialisiert und haben dort auch einige Bookings klar gemacht u.a. im Turnmills, aber es blieb dann nur bei einigen wenigen Gigs. Innerhalb Europa haben sie sich mehr an meine bestehenden Kontakte gewand, anstatt neue Gigs zu akquirieren. Ich war dann schnell der Auffassung, dass ich eine Agentur brauchte, die zentral in Europa liegt und die entsprechende Kontakte hat. Pavel hat mir Dancefield empfohlen, und nach einem kurzen Meeting vor einem Jahr waren wir uns einig und arbeiten seitdem sehr erfolgreich zusammen.

Es gab aber auch mal eine Zeit, in der sich Chris und Tina Liebing um deine Bookings kümmerten. Wie kam es dazu, und was ist aus dem Kontakt geworden?

Chris hatte ja damals keine wirkliche Booking Agentur. Aber er hat mich früher zu vielen Gigs und Festivals mitgebucht, und Tina hat mich auch sehr unterstützt. Aber nach einem Jahr wurde mir klar, dass ich auf der Suche nach etwas anderem war. Ich wollte nicht immer nur nach Chris spielen, sondern mich selbst weiter entwickeln.
Ich mag Chris und Tina aber immer noch sehr, vor allem, weil sie so normal geblieben sind, was in unserem Business ja keine Selbstverständlichkeit ist. Es gibt da so viele Freaks. Leider sehen wir uns auf grad des Tourings nur ein bis zwei Mal im Jahr, aber unser Verhältnis ist immer noch sehr gut und ich respektiere ihn für das was er schon erreicht hat.

Mut zum Risiko oder wie werde ich DJane No. 1?
Kommen wir mal zu deinen Anfängen zurück. Kannst du dich noch erinnern, wie du zum DJing gekommen bist?

Ich wurde in Brno in Tschechien geboren, als ich so ca. 16 Jahre alt war wurde elektronische Musik sehr populär. Jeden Freitag gab es eine Raveparty in einem Club dort. Wir waren eine kleine Truppe von Freunden, die sich sofort in die Musik, die Kultur und den ganzen Lifestyle verliebten. Wir hatten einfach das Gefühl, etwas Neues, etwas Besonderes gemacht zu haben. Nach meinem Abitur wollte ich dann zunächst Stewardess werden. Ich habe es schon immer geliebt zu Reisen und dachte, das wäre der passende Job für mich. Ich habe dann Fremdsprachen studiert, u.a. auch Deutsch. Allerdings ist das über die Jahre etwas eingerostet, aber ich verstehe noch fast alles, nur im Sprechen bräuchte ich mehr Training. Während meines Studiums bin ich ein halbes Jahr nach London gegangen, um mein Englisch zu trainieren. Ich war dann oft in der Fabric oder im The End. Als ich wieder in Tschechien war, hatte mich das alles so fasziniert, dass ich immer öfter daran dachte selber mit dem DJing anzufangen. In meiner Heimat gab es 1998 nur eine weibliche Djane, Ladida. Ich habe dann ein Jahr gegrübelt, bevor ich mich entschied, selbst aufzulegen.

Konntest du direkt davon leben?

Es war schon ein enormes Risiko. Ich hatte einen ganz normalen Job bei einem soliden Unternehmen. Es war sicheres Geld, aber mir fehlte die Möglichkeit, mich kreativ auszuleben. Ich hab mir dann mein erstes Equipment gekauft, einen Mixer ohne Dreiband-EQ, einen Turntable mit und einen ohne Pitcher (lacht). Aber man konnte damit trainieren. Befreundete DJs haben mich dann zu einem Recordshop in Wien mitgenommen und mir die ersten Techniken beigebracht.

Kannst du dich noch an dein erstes Vinyl erinnern?

Ich weiß noch, dass es ein Stück von DJ Sneak war. Zu dieser Zeit war House und Techhouse sehr populär bei uns, wie z. B Layo & Bushwacka! Vor allem das Label Yucca war total angesagt. Ich habe dann aber mehr und mehr meinen eigenen Stil in Richtung Techno entwickelt. Außerdem habe ich jeden Tag mindestens vier Stunden daheim aufgelegt, weil es mir absolut wichtig war, im Mixing möglichst perfekt zu werden. Dann kam ich mit Pavel und seiner Mersey Agency in Kontakt. Es ist gut, jemanden um dich zu haben, der von Anfang an dabei war und dich genau kennt, und so sind wir heute noch in Verbindung.

Bei dir ging es dann zwischen 2000 und 2003 sofort steil bergauf. Internationale Bookings, der erste gewonnene Dance Music Award... Was war das Geheimnis deines Erfolges?

Ich war einfach total verrückt danach, diesen Job zu machen und habe dementsprechend hart daran gearbeitet. Ich hab meinen Job geschmissen und mich direkt an die Arbeit gemacht. Pavel und seine Mersey Agency haben mir auch sehr geholfen, da sie mich direkt zu den besten Clubs und größten Festivals in Tschechien gebracht haben, so dass mich die Leute sehen konnten. Ein anderer Grund war natürlich auch, dass es nicht so viele weibliche DJs gab. Dadurch hat man sich einfach eher an dich erinnert, als an einen männlichen DJ.



Szene Ost

Wie steht es um die tschechische Szene generell? Du hast trotz internationalen Anfragen mindestens noch zwei Heimspiele im Monat? Gibt es Unterschiede zum deutschen Clubbing?

Ich denke es gibt nicht so große Unterschiede. Bei uns funktionieren momentan die Clubs bester als die Großevents und Festivals. Der beste Club ist für mich die Fabric, da hier wirklich viele große Namen aus dem Ausland spielen. Daneben funktionieren noch einige andere Clubs. Komischerweise gibt es in der Prag keine wirkliche Szene, sondern eher außerhalb. Die Clubs in der Haupstadt, wie z. B. das Mecca oder das Roxy, werden zum Großteil von Touristen besucht. Das kann man nicht wirklich mit Städten wie Frankfurt oder Berlin vergleichen. Dann gibt es natürlich noch die großen Tranceevents, wenn Tiësto oder Paul van Dyk vor 10.000 Menschen spielen. Im Sommer gibt es noch viele andere gute Festivals.

Wie zum Beispiel Creamfields Central Europe?

Ja, das ist dieses Jahr an den Start gegangen, ist aber leider in einem Desaster für den Veranstalter geendet. Gegen acht Uhr zog ein wirklich unglaublicher Sturm auf, der einem Tornado gleich kam. Alle Zäune stürzten um, die Monitorboxen fielen von den Trussings, nach dem Sturm war beinahe alles zerstört. Der starke Regen hat dann sein Übriges geleistet. Die Open Air Stage musste gecancelt werden, da die Elektriker Angst hatten, den Strom wieder anzumachen und eventuell den Platz unter Starkstrom zu setzen. Es hätte jemand verletzt oder getötet werden können. Es ging zwar noch in den Zelten weiter, aber viele Leute haben unterwegs zum Festival wieder umgedreht oder sind gegangen. Mein Gig war auf der Open Air Bühne und so kam ich wie auch Sasha, John Digweed oder auch Ferry Corsten nicht zum Einsatz. Aber sie starten im nächsten Jahr einen neuen Versuch.

Ich hab dich persönlich vor zwei Jahren im Century Circus auf der Nature One zum ersten Mal gesehen. Du sagst, dass du in deinen Sets immer versuchst ,eine Geschichte zu erzählen. Wie bereitest du dich auf einen Gig vor?

Heute mixe ich natürlich nicht mehr jeden Tag vier Stunden, weil ich einfach die Zeit nicht mehr habe. Ich höre mir jedoch alle Stücke, die ich bekomme, sehr genau an und manchmal schaue ich auch, ob die Übergänge zwischen den Stücken die ich spiele, gut klingen. Ich gehe lieber gut vorbereitet in ein Set und weiß ganz genau, was ich tue, daher höre ich mir jede Nummer mindestens zwei Mal an, bevor ich sie spiele.

Sound Of Acapulco

2002 hast du dein eigenes Studio eingerichtet. Arbeitest du dort allein oder unterstützt dich jemand?

Ja, 2002 kam mein Studio, in dem ich mit Chris Cowie produziert habe. 2003 kam die erste Single auf Aquatraxx, einem Label, dass es heute gar nicht mehr gibt. Die EP hieß „Mirage 01“ und war sehr erfolgreich. Carl Cox liebte sie, Umek hat sie geremixt und sogar Paul van Dyk hat sie gespielt. Seit drei oder vier Jahren arbeite ich mit einem Produzenten aus Leipzig zusammen. Sein Name ist Tobias Fiedler, mit dem ich auch das Album gemacht habe. Ich bin sehr froh, dass ich jemanden gefunden habe, der musikalisch mit mir auf einer Wellenlänge liegt und mich versteht. Ich selbst kann im Studio die Basics und bereite dann meine Ideen vor, die ich anschließend zusammen mit Tobias ausarbeite. Ich habe früher auch viel alleine gemacht, aber es macht einfach keinen Spaß, acht Stunden alleine im Studio zu sitzen. Ich finde es wichtig, mit anderen über die Musik auch zu kommunizieren und zu reflektieren.



Du hast seit 2004 dein eigenes Label Acapulco, jetzt „Sound Of Acapulco“. War es für dich wichtig mehr Freiheit zu haben?

Definitiv, ich fand es einfach zu kompliziert, mich mit anderen Labels auseinanderzusetzen. Wenn ich Tracks verschickt hatte, mochten die Labels die Stücke zwar, aber dann sollte immer hier und da noch eine Kleinigkeit geändert werden, und das wollte ich nicht. Daher habe ich zusammen mit Pavel eine eigene Plattform geschaffen, um die Stücke so zu releasen, wie ich es wollte. So entstand Acapulco. Nach einiger Zeit hatten wir aber verschieden Ziele mit dem Label. Pavel wollte andere Künstler auf dem Label featuren, mit denen ich aber nicht wirklich glücklich war. Ich hab dann wieder ein eigenes Label gestartet und es „Sound Of Acapulco“ genannt, damit die Verbindung zwischen mir und dem Label durch den ähnlichen Namen erhalten blieb. Das Label repräsentiert Lucca in all ihren Facetten von groovigem Techno, melodisch mit Vocals oder Elektro. Hier habe ich die Freiheit mich auszuleben.

Also liegt der Fokus ganz klar auf Lucca, oder wird es auch andere Künstler auf deinem Label geben?

Nein, zurzeit ist das nicht geplant. Es wird zu meinen EPs immer Remixe ausgewählter Künstler geben. Für die Single zum Album „Reformation“ haben Robert Babicz und Pig & Dan super Remix-Arbeit geleistet. In einem Jahr, wenn das Label etabliert ist, kann man vielleicht drüber nachdenken, andere Stücke, die mir gefallen, zu veröffentlichen.

Reformation statt Revolution

Ok, wenn diese Hintergründe kennt, macht der Name deines Debütalbums schon Sinn. Welche Bedeutung hat er für dich persönlich?

Es ist eine Art Revolution, aber das Wort ist einfach zu groß und zu aggressiv. „Reformation“ steht für mein aktuelles Leben. Eine neue Bookingagentur, ein neues Label, ein guter Studiopartner, ein guter Labelmanager, ein ganz neues Team. Ich bin einfach ganz neu aufgestellt und fühle mich sehr wohl dabei.

Wann hast du dich entschieden ein Album zu machen und wann ging die Arbeit los?

Das war vor ungefähr einem Jahr. Mit ein paar Singles kann man sich einfach nicht so ausdrücken, wie auf 80 Minuten Album. Ich wollte mehr Seiten und Styles von mir zeigen. Ich bin jetzt acht Jahre dabei, und es ist eine gute Zeit, ein Album zu machen. Tobias und ich waren uns sicher, dass etwas Gutes am Ende dabei herauskommen würde. Wir haben acht Monate im Studio verbracht, natürlich nicht am Stück. Ich habe zu Hause viel vorbereitet und bin dann für ein paar Tage nach Leipzig geflogen, wo wir weiter daran gearbeitet haben. Im September haben wir die LP dann fertig gestellt, 14 Stücke plus Intro. Vier davon sind schon ältere Singles, die aber in meinen Augen nicht gut genug promotet wurden. Durch das Album sollen sie noch ein Mal die Aufmerksamkeit bekommen, die sie verdienen.

Hattest du von Beginn an klare Vorstellungen von dem Album?

Ich wollte meine große Bandbreite an Styles zeigen, die ich auch in meinen Sets zeige. Minimal, Elektro oder auch progressive Sachen, aber alles sollte groovy und für den Dancefloor sein. Ich wollte nichts Experimentelles oder Chill Out auf dem Album.

Wird es eine offizielle Tour zum Album Release geben?

Ja, Dancefield kümmert sich grad darum. Der offizielle Tourstart ist im Februar, wie lange die Tour geht, steht noch nicht genau fest. Einige Gigs sind jetzt schon confirmed, z. B. im Rohstofflager in Zürich, wo ich schon sehr geniale Gigs hatte und die Leute total auf meinen Sound abgefahren sind.

Welche Projekte hast du als nächste in der Pipeline?

Neben der Tour habe ich noch ein Projekt zusammen mit einem Gitarristen, der bei uns in Tschechien ein wirklicher Rockstar ist. Er ist ein genialer Musiker und Komponist, der auch schon für viele Musicals Kompositionen geschrieben hat. Er hat schon viele Gitarrenriffs für meine Tracks eingespielt, auch für das Album. Ende des Jahres soll es dann eine Special-Edition des Longplayers mit ihm geben, denn es gibt nur wenige, die so Gitarre spielen wie er. Wir haben auch einige Gigs zusammen, aber die haben eher einen künstlerischen Ansatz. Denn jedes Mal, wenn er innerhalb unserer Shows anfängt zu spielen, hören alle auf zu tanzen und schauen nur noch wie hypnotisiert auf ihn und seine Gitarre. Das hat mehr was von einem Konzert, aber ich fühle mich jedes Mal sehr geehrt, wenn wir zusammen auftreten.

Hört sich spannend an. Lucca, vielen Dank für das Interview und alles gute für dich und dein Album.

Gerne, ich danke euch.

www.lucca.cz
www.myspace.com/djlucca